Der Heimatverein Kraichgau
zu Besuch beim Homo heidelbergensis in Mauer

 

Dr. Hans-Heinz Hartmann

 

Mit einer Schachtel vor dem Hauseingang wurden sie überrascht, die 60 Mitglieder des Heimatvereins Kraichgau, die sich bei schönstem Wetter im Hof des mit viel Liebe restaurierten Heid’schen Hauses, dem vorgeschichtlichen Museum in Mauer, versammelt hatten. Auf Zeitungspapier sorgfältig geordnet lagen darin sandüberkrustete Knochenstücke. Bürgermeister a. D. und Vorsitzender des Vereins Homo heidelbergensis Erich Mick begrüßte den Kraichgau-Verein, aber auch die gerade eingetroffene Knochenschachtel. Seine Freude war, wie gleich zu erfahren war, gerechtfertigt: Es handelte sich um einen gerade gemachten Neufund, erklärte stolz Dr. Manfred Löscher, Geologe und Biologe, ehemaliger Gymnasiallehrer, der ehrenamtlich zusammen mit seinen Studenten in der einstigen Sandgrube am Grafenrain forscht. Dort untersucht er zur Zeit an einem jüngst hergestellten Profil jene Sandschicht, in der 1907 der Unterkiefer des ältesten Europäers gefunden wurde. Dr. Löscher berichtete voll Begeisterung, dass er mit Hilfe dieses frischen Fundes von Tierknochen mit neuesten technischen Methoden vielleicht eine Datierung der Sandschichten und damit eine genauere Datierung des Homo heidelbergensis möglich wird. Ein faszinierender Gedanke, da man den 1907 gefundenen Unterkiefer bis heute lediglich in einen zwischen 600 000 und 800 000 Jahre zurückliegenden Zeitraum einordnen kann und die von früher vorhandenen, im Museum aufbewahrten Knochenfunde für eine Datierung nicht mehr geeignet sind, weil sie sich durch Präparation, Imprägnierung und Konservierung verändert haben.

Dann musste sich der Verein aus paläolithischen wieder in gegenwärtige Zeiten begeben. Erich Mick berichtete von den Aktivitäten des Vereins mit seinen vielen aktiven, aber auch fördernden Mitgliedern. Ein gutes finanzielles Polster soll den Aufbau einer speziell auf Anthropologie und Paläolithikum ausgerichteten Bibliothek, Anschaffung weiterer Vitrinen und im Museum gebrauchter Hilfsmittel für den in nächster Zeit auszustellenden Original-Unterkiefer ermöglichen. Man hofft auch, dass 2007, dem 100. Fundjahr dieses weltberühmten Unterkiefers, doch noch die Ausgabe einer Briefmarke verwirklicht werden kann. Ein 1979 geschaffener, aber nicht verwendeter Entwurf hängt im Versammlungsraum des Vereins im Erdgeschoß des Heid’schen Hauses. In den hellen Räumen im ersten Obergeschoß  sahen die Besucher – welch ein Kontrast zu dem alten Fachwerk – eine für Bearbeitung und Erfassung von Literatur und Funden heute unverzichtbare EDV- und Computereinrichtung. Mit diesen Mitteln sollen in nächster Zeit auch die 6000 in vielen Sammlungen weit verstreuten Fundstücke aus den Mauerer Sanden registriert werden. An Wänden und auf Regalen waren Plakate und Gegenstände zu sehen, die natürlich den Homo heidelbergensis betreffen oder mit der Geologie samt Flußbettveränderungen des einst bis Mauer verlaufenden Neckars zu tun haben.

Im Dachgeschoß erlebten die Gäste eine ganz andere Atmosphäre. Unter den Dachsparren, zwischen alten Holzbalken, stehen gut beleuchtet, übersichtlich angeordnet, Tischvitrinen mit Artefakten aus den Mauerer Sanden, die vielleicht vom Homo heidelbergensis und seinen Verwandten benutzt worden sind. Es sind künstlich, aus rohen, im Neckargeschiebe vorkommenden Hornsteinkieseln zurechtgeschlagene, kaum als Werkzeug zu erkennende Gebilde, die aber trotz ihrer Primitivität zur Geräteherstellung dienen konnten. Vom Verein durchgeführte Experimente zeigen, dass beispielsweise paläolithische Holzspeere, wie sie an anderen Orten gefunden wurden, mit solchen Hornsteinwerkzeugen hergestellt werden konnten. Beispiele sind ebenfalls im Dachgeschoß zu sehen. In anderen Vitrinen liegen seit 1830 ebenfalls in den Mauerer Sanden zu Tage gekommene, präparierte und didaktisch gut dargestellte fossile Knochenreste von Waldelefant, Waldnashorn, Wolf, Elch, Bär, Leopard, Rothirsch, Bison und vielen anderen Tieren, die in der Zeit des Homo heidelbergensis in unserer Gegend gelebt haben. Eine Sammlung von Geröllen aus den Mauerer Sanden, Geologie und Mineralogie der Region waren präsentiert. Die Besucher nahmen einen umfassenden Eindruck mit von der Bedeutung jenes Unterkieferfundes aus den Mauerer Neckarsanden.

Bei einer Führung durch den Ort konnte Erich Mick deutlich machen, wie günstig Mauer als Wohnort Mauer nach dem Bau der Umgehungsstraße geworden ist. Zwar konnten im oberen Ortsbereich im Wirtschaftshof beim sog. Herrenhaus Fundamentspuren aus dem 9. Jahrhundert nachgewiesen werden, auch wurde Mauer 1048 im Lorscher Codex erwähnt, doch ist erhaltene Bausubstanz aus der frühen Geschichte nicht sichtbar. Das obere Herrenhaus aus dem Besitz der Herren von Zyllenhardt kam durch Heirat an die Göler von Ravensburg. Die Frage, ob Goethe auf seiner Schweizer Reise 1797 dort übernachtet hat, dürfte sich beim Nachlesen klären. Möge man sich damit begnügen, dass der Dichterfürst bei seiner Durchfahrt wenigstens einige Worte über Mauer gefunden hat: „ …liegt freundlich, die Weiber haben eine nicht unangenehme Bildung, die Männer sind höflich, keine Spur von Rohheit; man bemerkt eher eine sittliche Stille …“

Am Gasthaus „Zur Pfalz“ wurde an dessen berühmtesten Stammgast Daniel Hartmann erinnert, der dort 1907 nach dem Fund des Unterkiefers am Stammtisch verkündete: „Leit, heit hawwi de Adam gfunne!“

Zum Abschluss der Exkursion versammelte sich der Kraichgau-Verein im Gasthaus „Krone“, wo sich die Gespräche auch wieder um den Homo heidelbergensis drehten.

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