Die Kraichgau-Stimme berichtete am 29.11.2004

Heimatverein Kraichgau mit 50 Teilnehmern
auf Exkursion in Bad Rappenau-Wollenberg

Von Deinhard und vom Judenbad

Von Rudolf Landauer

Wollenberg im Wollenbachtal, der kleinste Ortsteil Bad Rappenaus, ist am Samstag Ziel einer Exkursion des Heimatvereins Kraichgau gewesen. Für den Vorsitzenden, den Eppinger Bernd Röcker, sind diese Erkundungstouren  wichtige Bestandteile praktischer Heimatkunde und Geschichtsforschung.

Zehn bis elf Fahrten in alle Teile des Kraichgaus plant er das Jahr über. Wie beliebt die Exkursionen sind, zeigte die hohe Teilnehmerzahl von über 50 Personen, die sich vor der alten Kelter in Wollenberg einfanden. Dort erwartete sie der Löwenwirt und Kenner der Ortsgeschichte, Dieter Bräuchle.

In seiner bekannten humorigen Art erzählte Bräuchle den Gästen viel über den 400 Einwohner zählenden Ort, der wegen seiner idyllischen Lage im Wollenbachtal gerne von Wanderern aufgesucht wird. Bereits im Jahr 792 fand das kleine Dorf die erste urkundliche Erwähnung im Lorscher Kodex. “Wellenberg" stand damals in den Akten. Die historische alte Kelter direkt neben dem Bach bildet noch heute neben dem Gasthaus zum Löwen und der evangelischen Kirche die Dorfmitte.

Dieter Bräuchle geriet ins Schwärmen, als er von den legendären Festen in der Kelter erzählte, die von der Dorfgemeinschaft in besonderer Weise gefeiert werden. Das historische Gebäude stammt aus dem Besitz der Familie von Gemmingen-Guttenberg. 1851 verkaufte der Landadel seine Anteile am Dorf an die Gemeinde, und diese teilte sie unter den Bürgern auf.

Viele auswärtigen Gäste staunten nicht schlecht, als ihnen Dieter Bräuchle erklärte, welch berühmter Vorfahre in seinem Gasthaus zum Löwen geboren wurde: Johann Friedrich Deinhard erblickte am 13. September 1772 hier das Licht der Welt. 1794 gründete er dann in Koblenz die noch heute bestehende, weltbekannte Sektkellerei Deinhard. Ob es denn in Wollenberg früher Weinbau gegeben hatte, wollte ein Teilnehmer wissen. Bräuchles lustige Antwort hatte Heiterkeit zur Folge: “Selbstverständlich. Aber es hieß früher, wenn Jugendliche nicht artig waren, mussten sie zur Strafe Wollenberger Wein trinken."

Die schmucke und jüngst restaurierte Dorfkirche war nächste Station. Dort wurde die Gruppe von dem Kirchenältesten, Karl Bräuchle, begrüßt. An die uralte Geschichte der Grenzsteine im Wollenbachtal erinnerte der Bargener Peter Becker. Er und der Rappenauer Hobbyarchäologe Dr. Hans Heinz Hartmann erinnerten schließlich an die jüdischen Bürger Wollenbergs. Hartmann betonte, dass als einziges Zeugnis noch ein kleines, aber zugedecktes, so genanntes Judenbad auf Privatgelände existiere. Früher gab es sogar am Postweg eine kleine Synagoge.

“Den benutzten neben den Postreitern auch die Treidelreiter, die Schiffe auf dem Neckar bewegten, für ihren Rückmarsch nach Heidelberg und Mannheim", erklärte Hartmann den Besuchern.

Nach dem Rundgang durch den Ort gab es im Löwen noch viele Gelegenheiten zu guten Gesprächen.

 

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