Die Rhein-Neckar-Zeitung berichtete am 6. Juni 2009

„Ich rede ohne Zunge, ich schreie ohne Lunge"

Realschullehrer Norbert Jung ließ vor dem Heimatverein Kraichgau das Publikum an der Faszination „Glockenforschung" teilhaben

 

Sinsheim. (rw) „Ich rede ohne Zunge, ich schreie ohne Lunge, ich habe auch kein Herz - und nehm' doch teil an Freud und Schmerz", so hat einmal der Germanist und Schriftsteller Karl Simrock das bronzene Läuteinstrument beschrieben. 85 Glocken sind im Stadtkreis von Sinsheim aktiv, wobei die älteste und schwerste in der evangelischen Sinsheimer Stadtkirche hängt und in Waldangelloch mit sechs Glocken am kräftigsten geläutet wird.

Auf Einladung des Arbeitskreises Genealogie des Heimatvereins Kraichgau referierte der Heilbronner Glockenforscher Norbert Jung über die Glockengeschichte der Stadt Sinsheim und ihrer Stadtteile. Den Realschullehrer Jung fasziniert schon seit Jahrzehnten die Glockengeschichtsforschung, darin eingeschlossen das Handwerk der regionalen Glockengießer und deren Produkte.

Einen Überblick gab Norbert Jung über die verschiedenen Glockengießereien, die im Umkreis die schweren Instrumente herstellten und lieferten.

Früher hatten Glocken eine größere Bedeutung als heute. Sie waren Zeitgeber, Signale, Feuer- und Sturmwarner oder Kneipen- und Wirtshausschließer ohne musikalischen Anspruch.

Sie läuteten beim Geburtstag des Monarchen, am Anfang der Weinlese, zu Steuereintreibungen oder bei Gemeinderatssitzungen. Die genaue Herkunft der Glocken und ihre Benutzung ist umstritten. Sicherlich waren sie keine christliche Erfindung. In China hat man die Glocke schon 2000 v. Chr. benutzt, und erst im 8. Jahrhundert hat Kaiser Karl der Große deren Ausbreitung in seinem Reich angeordnet und damit der Glockenkultur einen großen Dienst erwiesen.

Im Einzelnen beschrieb Vortragsredner Norbert Jung verschiedene Glockenformen, deren Verzierungen oder Inschriften wichtige Träger geschichtlicher Informationen sind.

Schreibfehler seien dabei keine Seltenheit, da viele Glockengießergesellen, die auch Kanonenrohre gegossen hätten, weder lesen noch schreiben konnten.

Der Glockenguss übe eine ganz besondere Anziehungskraft aus, denn wer einmal dabei gewesen sei, werde das Erlebnis nie mehr vergessen, sagt zumindest Norbert Jung.

Ein Beispiel dafür sei auch das Jahr 2000, als drei neue Glocken für die Hoffenheimer Kirche bei der Firma Bachert in Heilbronn gegossen wurden und Pfarrer und Gemeindemitglieder zu diesem Ereignis mit dem Bus hingepilgert seien.

Eine interessante Entdeckung machte der Glockenforscher Jung zusammen mit Marius Golgath im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg. Dort wird als Herkunftsort einer Glocke Eschelbronn genannt. In Wirklichkeit ist jedoch eine der ältesten Glocken Sinsheims aus Eschelbach.

Abschließend bedankte sich der Vorsitzende des Heimatvereins Kraichgau, Bernd Röcker, beim Referenten Jung für seinen Vortrag und überreichte ihm ein kleines Präsent.

 

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